Kapitel 37 Reisetagebuch: Tirana überrascht uns jeden Tag – warum Albaniens Hauptstadt völlig unterschätzt wird
Tirana überrascht uns jeden Tag – warum Albaniens Hauptstadt völlig unterschätzt wird
Tirana hat uns nicht in den ersten fünf Minuten umgehauen. Aber je länger wir hier sind, desto mehr zieht uns diese Stadt in ihren Bann.
Aus einem Ort auf unserer Reiseroute ist langsam ein Ort geworden, der sich vertraut anfühlt.
Wir kennen unsere Wege. Wir haben unsere Cafés. Wir wissen, wo wir einkaufen. Wir kennen Menschen, die wir auf der Straße wieder erkennen. Wir haben Termine, Projekte und Verabredungen.
Wir sind nicht mehr nur zu Besuch.
Wie sich unsere ersten Tage in der albanischen Hauptstadt angefühlt haben, haben wir bereits ausführlich in unserem Reisetagebuch erzählt. In Kapitel 36: „Ankommen in Tirana – Unsere ersten elf Tage“ geht es um unser Housesitting, unseren neuen Alltag und unsere ersten Entdeckungen in der Stadt.
Inzwischen sind wir einen Schritt weiter.
Eine Stadt, die Zeit braucht
Vielleicht wird Tirana gerade deshalb von vielen Reisenden unterschätzt.
Wer nur einen oder zwei Tage bleibt, sieht vermutlich den Skanderbeg-Platz, läuft einmal durch Blloku, schaut sich vielleicht die Pyramide an und fährt anschließend weiter Richtung Berge oder albanische Riviera.
Kann man machen. Aber dann verpasst man unserer Meinung nach einen großen Teil dessen, was Tirana eigentlich ausmacht.
Es gibt unglaublich viele Cafés, Restaurants und Bars.
Schaut euch gerne mal unsere Reels an: Restaurant Mrizi i Zanave, Restaurant Restaurant Lugeza, Skybar.
Die Menschen, die bis spät abends draußen sitzen. Kleine Geschäfte, Märkte und Straßencafés. Neue Hochhäuser neben älteren Gebäuden. Junge Albaner mit internationalen Ideen und gleichzeitig Traditionen, die noch sehr präsent sind.

Tirana wirkt manchmal chaotisch, manchmal überraschend modern und manchmal so, als würde die Stadt selbst noch herausfinden, was sie einmal werden möchte.

Und das ist es, was diese Stadt interessant macht.
Je länger wir bleiben, desto wohler fühlen wir uns
Das hätten wir bei unserer Ankunft wahrscheinlich noch nicht so deutlich gesagt. Mittlerweile schon.
Wir könnten uns tatsächlich vorstellen, für längere Zeit in Tirana zu leben.
Nicht unbedingt für immer. Dafür sind wir viel zu gerne unterwegs.Aber für einige Monate? Absolut.
Tirana funktioniert für uns erstaunlich gut als Stadt zum Leben und Arbeiten. Man bekommt fast alles, was man braucht. Taxis sind vergleichsweise günstig, Essen gehen ebenfalls. Mobilfunk und Internet funktionieren für unseren Arbeitsalltag hervorragend und wer gerne aus Cafés arbeitet, dürfte hier wahrscheinlich jahrelang neue Arbeitsplätze ausprobieren können.
Über unseren Alltag, die enorme Café- und Restaurantdichte und unsere Erfahrungen mit Bussen, Taxis und der Patoko-App haben wir schon in unserem ersten Tirana-Kapitel ausführlicher geschrieben.
Viel wichtiger ist für uns inzwischen etwas anderes. Eine Stadt wird angenehmer, sobald man beginnt, sie zu verstehen.
Und das betrifft vor allem die Menschen.
Albanien verstehen wir heute anders als bei unserer Ankunft
Auf unserer Reise erleben wir viele Länder zunächst nur von außen.
Wir sehen Landschaften, fahren durch Orte, sprechen mit Menschen auf Campingplätzen, in Geschäften oder Restaurants und sammelt Eindrücke.
In Tirana ist das anders geworden.
Weil wir länger geblieben sind, konnten wir tiefer eintauchen.
Wir haben Unternehmer, Gründer, Kreative und Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen kennengelernt. Wir haben Interviews geführt, Ideen diskutiert und teilweise stundenlang über Albanien, Unternehmertum, Zukunft und die Entwicklung des Landes gesprochen. Hierzu findet ihr auch mehr auf unserem YouTube-Kanal MilesMeetsMoments.
Dadurch verändert sich automatisch der eigene Blick.
Wir beginnen besser zu verstehen, warum manche Dinge hier anders funktionieren, warum persönliche Kontakte so wichtig sind und warum unglaublich viel über Empfehlungen und Netzwerke passiert.
Und wir erleben immer wieder Menschen, die sehr stolz auf ihr Land sind und gleichzeitig ganz offen darüber sprechen, was sich aus ihrer Sicht noch verändern müsste.
Diese Gespräche sind für uns wertvoller als jede klassische Sehenswürdigkeit.
Eno und unser Bronco
Und dann gibt es Begegnungen, die mit Business überhaupt nichts zu tun haben und trotzdem genauso viel über ein Land erzählen.
Eine davon ist Eno.

Wahrscheinlich hätten wir Eno niemals kennengelernt, wenn unser Bronco einfach störungsfrei durch Albanien gefahren wäre.
Unser erstes Treffen hatte nichts mit einem geplanten Interview, einem Startup oder einem Business-Termin zu tun.
Unser Bronco brauchte Hilfe.
Eno kümmert sich hier in Tirana um unser Auto. Und aus dem Mann, zu dem wir unseren Bronco zur Reparatur gebracht haben, ist für uns inzwischen viel mehr geworden als einfach nur „die Werkstatt“.
Er nimmt sich Zeit, um Probleme zu lösen. Uns wird ganz unkompliziert geholfen. Und aus einem zunächst rein praktischen Kontakt entsteht etwas Persönliches.
Natürlich hoffen wir, Eno künftig lieber auf einen Kaffee zu treffen als mit einem neuen Problem unter der Motorhaube.
Ausgerechnet die Pyramide
Ein anderer Ort steht inzwischen sinnbildlich für vieles, was wir gerade in Tirana erleben: die Pyramide.
Ein Gebäude mit einer außergewöhnlichen Geschichte.
Einst als Museum für den kommunistischen Diktator Enver Hoxha errichtet, ist sie heute ein vollkommen anderer Ort. Junge Menschen lernen hier, Gründer arbeiten an neuen Ideen, Veranstaltungen finden statt und internationale Organisationen treffen auf die albanische Tech- und Startup-Szene.
Für uns wurde die Pyramide irgendwann ebenfalls zu einer Art Basis.
Hier haben wir Menschen kennengelernt, Interviews geführt, Kontakte geknüpft und unsere eigene Side Quest THE PYRAMID gestartet.

Die ganze Geschichte haben wir in unserem eigenen Beitrag „THE PYRAMID: Wie Tiranas Vergangenheit zum Startup-Hub wurde“ erzählt.
Und wahrscheinlich beschreibt kaum ein Ort Tirana besser.
Vergangenheit wird nicht einfach abgerissen. Sie wird umgebaut. Manchmal ziemlich radikal.
Tirana kann auch Business
Für MilesMeetsMoments ist genau dieser Punkt besonders spannend.
Wir reisen, um zu erfahren wie Menschen leben, wie Unternehmen funktionieren, welche Ideen entstehen und welche Chancen sich daraus entwickeln.
Und auch hier hat uns Tirana überrascht.
Je länger wir hier sind, desto mehr verstehen wir, wie wichtig persönliche Beziehungen in Albanien sind.
Viele unserer spannendsten Business-Kontakte sind nicht durch lange Terminabstimmungen entstanden.
Ein Kaffee führt zum nächsten Gespräch. Ein Interview zur nächsten Empfehlung. Und eine persönliche Vorstellung manchmal innerhalb weniger Stunden zu einem neuen Kontakt.
Aus einem Gespräch entwickelt sich eine Idee. Aus einer Idee entsteht ein neues Projekt. Und manchmal weiß man morgens noch überhaupt nicht, wen man am Nachmittag kennenlernen wird.
Das ist für uns eine interessante Beobachtung und zeigt auch, warum wir mit MilesMeetsMoments überhaupt so reisen, wie wir reisen. Einen Markt lernt man nicht nur über Zahlen, Statistiken und PowerPoint-Präsentationen kennen.
Man muss vor Ort sein, Menschen treffen, zuhören, Fragen stellen und Vertrauen aufbauen.

Was beschäftigt Unternehmer in Albanien? Wie denken junge Gründer? Wo liegen Chancen? Welche Herausforderungen gibt es? Wie sieht man Deutschland und Europa? Welche Produkte und Unternehmen werden wahrgenommen? Und wo könnten neue internationale Verbindungen entstehen?
Gerade Tirana zeigt uns, wie schnell aus Storytelling echte wirtschaftliche Verbindungen entstehen können.
Und für uns sind solche Fragen inzwischen mindestens genauso spannend wie die Frage nach dem schönsten Aussichtspunkt der Stadt.
Eine Stadt voller Gegensätze
Natürlich ist Tirana nicht perfekt. Der Verkehr kann nerven. Die Stadt ist laut, wenngleich sie in den Sommermonaten sogar ruhiger ist als sonst, wie wir gehört haben. Es wird überall gebaut.
Manche Straßen wirken hochmodern und wenige Meter weiter sieht alles plötzlich vollkommen anders aus. Aber vielleicht gehört auch genau das dazu.

Tirana ist keine glattpolierte Hauptstadt und wahrscheinlich wollen wir genau deshalb immer weiter hinschauen.

An einem Tag stehen wir in Bunk'Art tief im Berg und versuchen zu begreifen, wie sehr Angst, Kontrolle und Abschottung das Leben während der kommunistischen Diktatur bestimmt haben.
Am nächsten sitzen wir zwischen jungen Unternehmern und sprechen über künstliche Intelligenz, Apps, Startups und internationale Märkte.
Dann trinken wir abends ein lokales Bier oder eiskalten Rotwein, sitzen auf einer Terrasse oder entdecken wieder irgendein Restaurant, an dem wir vorher schon zehnmal vorbeigelaufen sind.
Tirana springt permanent zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Und dann sind da diese kleinen Dinge
Nicht alles muss spektakulär sein. Es gibt sogar die unspektakulären Momente, durch die wir uns inzwischen so wohlfühlen.
Der Kaffee am Morgen. Der Verkäufer, der einen inzwischen erkennt. Ein Restaurant, das man zum zweiten oder dritten Mal besucht. Menschen, mit denen aus einem ersten beruflichen Termin plötzlich ein persönlicher Kontakt entsteht.
Das sind Momente, die man auf einer zweitägigen Städtereise kaum erlebt.
Dafür muss man bleiben.
Sehenswert ist Tirana trotzdem
Natürlich gibt es auch Orte, die wir jedem Besucher empfehlen würden.
Die Pyramide gehört für uns wegen ihrer Geschichte unbedingt dazu.
Bunk'Art zeigt dagegen eine vollkommen andere Seite Albaniens und gehört zu den Orten, die uns besonders nachdenklich gemacht haben.
Dazu kommen der Skanderbeg-Platz, die Straßen und Cafés von Blloku, Märkte, Parks und die vielen kleinen Ecken, die man eigentlich erst entdeckt, wenn man ohne festen Plan durch Tirana läuft.
Und dann gibt es Tirana noch von oben. Von Rooftops oder aus der Umgebung erkennt man erst richtig, wie ungewöhnlich die Lage der Stadt zwischen den Bergen ist.
Aber wer uns heute fragt, was man in Tirana unbedingt gesehen haben sollte, bekommt trotzdem eine etwas andere Antwort:
Nicht nur Orte anschauen. Menschen kennenlernen.
Vielleicht ist das das Geheimnis dieser Stadt
Nach einigen Wochen fühlt sich vieles selbstverständlich an, was am Anfang noch fremd war.
Und ausgerechnet auf einer Weltreise, bei der Weiterfahren eigentlich unser Normalzustand ist, merken wir, dass wir keinen großen Drang verspüren, diese Stadt möglichst schnell wieder zu verlassen. Es gibt noch Menschen, die wir treffen möchten, Geschichten, die wir erzählen wollen. und Orte, die wir nicht kennen.
Und trotzdem merken wir jetzt:
Es wird langsam Zeit, wieder weiterzuziehen.
Tirana hat unsere Neugier auf Albanien noch größer gemacht.
Jetzt wollen wir Albanien kennenlernen
Bisher haben wir sehr intensiv eine Hauptstadt kennengelernt.
Bald geht es wieder aus aus der Stadt. Wir möchten wieder mit dem Bronco unterwegs sein, Landschaften entdecken, kleinere Orte kennenlernen, Menschen treffen und herausfinden, wie sich das Land verändert, sobald Tirana irgendwann im Rückspiegel verschwindet.
Wir sind neugierig auf die Berge, auf die Küste. auf Dörfer und Städte.und auf Essen, Landschaften, Unternehmen und Geschichten, von denen wir heute noch überhaupt nichts wissen.
Wie fühlt sich Albanien außerhalb Tiranas an? Welche Menschen werden wir treffen? Welche Geschichten warten dort auf uns? Und welche vollkommen ungeplanten Begegnungen werden unsere nächsten Wochen bestimmen?
Wir wissen es nicht.
Tirana wird nicht deshalb unterschätzt, weil es hier zu wenig zu entdecken gibt.
Sondern weil viele Menschen ihr zu wenig Zeit geben.