Reisetagebuch – Kapitel 9: Ein Tag wie ein ganzes Leben – Unsere Überfahrt nach Afrika

· Lesezeit: ~9–11 Min
Ein geplanter Fährtag, der anders kam
Mit der Überfahrt nach Afrika endet unsere erste Etappe, die Reise von Köln nach Marokko. Was als „normaler“ Reisetag mit einer Fährfahrt geplant war, wurde einer der ereignisreichsten Tage unseres bisherigen Lebens.
Leere Batterie und Umbuchung per WhatsApp
Der Plan war klar: Fähre um 11:15 Uhr, schnell noch frühstücken, Bronco starten, rüber nach Algeciras, drauf auf das Schiff, rüber nach Afrika. Um acht Uhr dreht Jürgen den Schlüssel – nichts. Schon wieder. Die Starterbatterie ist leer. Also: Batterie an den NOCO-Lader, Bronco an den Tropf, wir selbst ans Meer. Wir mussten schließlich eine Weile warten, bis der Van aufgeladen war.
Zum Glück hatten wir beim Ticketkauf am Vortag bei Carlos in Algeciras eine WhatsApp-Nummer bekommen. Mit genau einer WhatsApp war unser Ticket von 11:15 auf 14:30 Uhr umgebucht. Kein Callcenter, kein Theater, kein Stress – nur ein „Okay, no problem“.
Ticketabzocke im Hafen von Algeciras
Gegen 11 Uhr war die Batterie wieder halbwegs geladen, und wir fuhren los Richtung Algeciras, mit der Wegbeschreibung von Carlos in der Hand – ganz altmodisch in einer kleinen Pappmappe. Im Hafen folgten wir der Beschreibung, nahmen die richtige Ausfahrt und fanden die richtige Spur.
Dann standen plötzlich vier Männer in Warnwesten am Straßenrand und winkten uns heraus. Sie wollten unsere Tickets sehen und erklärten sehr überzeugend, sie müssten die Tickets abstempeln – für Hin- und Rückfahrt jeweils 20 Euro. Doch wir wussten dank Carlos: Bis zur Fähre zahlt man keinen Cent extra. Wir rissen dem Mann die Tickets aus der Hand und fuhren einfach weiter. Hier geht´s zum passenden 🎥 Betrüger-Video.

Warten auf die Fähre und Verladen des Broncos
Wir fanden den offiziellen Parkplatz, wurden auf den Wartebereich gelotst und standen dort nun in einer Reihe mit LKWs, Wohnmobilen und Vans. Die Polizei fuhr Streife, schickte dubiose Händler vom Platz, und wir kamen mit einem deutschen Tourist ins Gespräch, das mit Wohnwagen unterwegs war und schon Marokko-Erfahrung hatte. Die Stunden vergingen schneller als gedacht, auch wenn unsere 14:30-Uhr-Fähre noch lange nicht in Sicht war.


Als sie schließlich anlegte, sahen wir, wie sich die 40-Tonner rückwärts auf das Schiff schoben. Zum Glück durften wir mit dem Bronco vorwärts über eine separate Rampe auf das Deck fahren. Ein kleiner, laut gestikulierender Einweiser dirigierte uns an unsere Position. Der Bronco bekam seinen Platz auf Ebene 4, wir klemmten die Batterie ab – und ließen ihn im Bauch des Schiffes zurück.

Einreise nach Marokko an Bord
An Deck wehte der Wind, die Sonne stand tief, und auf dem Schiff begann die Einreiseprozedur. Wir füllten Formulare aus, gaben Namen, Beruf, Passnummer, Geburtsdatum und Geburtsort an. In einem kleinen provisorischen Bordbüro saßen marokkanische Beamte, nahmen Zettel und Pässe entgegen und stempelten sie ab. Die Einreise nach Marokko begann nicht im Hafen, sondern bereits auf hoher See.


Tanger Med: Grenzfestung statt Postkartenhafen
Als wir in Tanger Med anlegten, wurde schnell klar: Das hier ist kein romantischer Stadt-Hafen, sondern eine Grenzfestung. Hohe Zäune, Schranken, überwachte Spuren, viel Beton. Von der Stadt keine Spur, nur Hafen, Hafen, Hafen.

Wir folgten zunächst dem Wohnwagenfahrer, den wir am Hafen kennengelernt hatten – und liefen prompt in die nächste Kontrolle. Ein Zollbeamter fragte auf Französisch, ob wir schon im Scanner waren. Wir verneinten und wurden zu einem Bereich mit einem mobilen Röntgensystem geschickt.
Scanner, Zettel und der wichtige „Carte“-Beleg
Dort standen sechs, sieben Autos dicht hintereinander. Ein riesiger Scanner-LKW fuhr wie eine bewegliche Brücke langsam darüber hinweg. Wir mussten aussteigen, der Bronco blieb allein zurück. Während wir warteten, kletterten fünf, sechs Männer über die hohen Zäune, sprangen oder zwängten sich hindurch. Es wirkte wie ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Zöllnern: laut, unübersichtlich, fremd.

Nach dem Scan fuhren wir zurück zu einem weiteren Kontrollpunkt. Dort wurden wir immer wieder nach einem kleinen Zettel gefragt, irgendetwas mit „Carte“. Schließlich verstanden wir, dass der Beamte den Fahrzeugschein benötigte. Er nahm Fahrzeugschein und Pässe, verschwand für ein paar Minuten und kam mit einem kleinen weißen Zettel zurück. Dieser Zettel, erklärte er uns, sei in ganz Marokko wichtig: Er ist auf unser Auto ausgestellt und muss bei Kontrollen vorgezeigt werden.
„This is my house“ – letzte Zollkontrolle
Vor der letzten Schranke bat man Jürgen, den Bronco zu öffnen. Er ließ die Leiter herunter, öffnete die Heckklappe und sagte halb im Scherz: „Please, this is my house.“ Der Zöllner sah hinein – und blickte in das gelebte Chaos eines Reisemobils. Er fragte nur noch nach Drohnen und Waffen. Als wir verneinten, winkte er uns freundlich durch.
Autobahnpanne auf der Brücke
Draußen vor dem Hafen stellten wir Google Maps auf unseren ersten Campingplatz in Marokko ein: 🎥 Camping Tahdart – etwa 73 Kilometer entfernt. Wir entschieden uns für die Mautstraße, hatten aber weder Euro noch Dirham dabei. Der Plan war, nach ein paar Kilometern abzufahren und einen Geldautomaten zu finden. Dazu kam es nicht.
Auf einer hohen Autobahnbrücke begann der Bronco zu ruckeln. Er nahm kein Gas mehr an. Jürgen manövrierte ihn mit letzter Kraft auf den Randstreifen, zum Glück bereits hintr der Brücke. Es wurde bereits dämmrig, der Verkehr rauschte vorbei, und wir standen auf einer Brücke, weit weg von der nächsten Ausfahrt. Wir schalteten die Warnblinker ein, ließen den Motor laufen und sicherten die Pannenstelle mit Warndreieck und Warnwesten.

Abschlepp-Odyssee durch die Nacht
Fast wie aus dem Nichts hielt kurze Zeit später ein Abschleppwagen vor uns. Kurz darauf kam ein Motorradpolizist, beruhigte uns und erklärte, dass auf der Autobahn nur lizenzierte Abschlepper arbeiten dürfen. Unser Puls sank wieder ein Stück. Da der erste Abschleppwagen zu klein für den Bronco war, rief der Fahrer einen Kollegen mit einem größeren Fahrzeug.
Mit zwei Seilwinden zogen sie den Bronco auf den großen Abschleppwagen. Wir standen auf der Böschung und sahen zu, wie der Wagen nach und nach aufgeladen wurde. Es sah spektakulär und beängstigend zugleich aus. Als alles gesichert war, sammelten wir Warndreieck und Westen wieder ein, ein Schritt, den man bei all dem Stress nicht unterschätzen darf.

Im Fahrerhaus des Abschleppwagens fuhren wir durch die Nacht. An der ersten Polizeikontrolle richtete sich unser Puls erneut auf Alarm, doch der Fahrer schien alle Beamten zu kennen. Es wurde kurz gegrüßt, und wir durften weiterfahren. An der Mautstation zahlten wir nichts. Der Abschlepper fuhr einfach durch.
Unterwegs sahen wir einen frischen Unfall: Ein PKW war von der Straße abgekommen und ins Feld gerutscht. Unser Fahrer hielt kurz an, prüfte, ob er helfen konnte, und fuhr dann weiter. Die Straße war holprig, der Abschlepper ruckelte, und jedes Rucken fühlte sich für uns an, als würde der Bronco gleich vom Wagen kippen. Natürlich tat er das nicht – aber unser Kopfkino lief auf Hochtouren.
Ankunft auf dem Campingplatz und wer wirklich bezahlt
Der Eingang des Campingplatzes war im Dunkeln nicht leicht zu finden. Wir landeten zunächst an einem falschen Tor, direkt neben dem Restaurant des Campingplatzes mit einer halben Rinderhälfte im Eingang. Erst nach einem weiteren Telefonat fanden wir den richtigen Zugang. Der Betreiber Adnan wartete bereits auf uns und ließ das große Tor öffnen, damit der Abschleppwagen bis auf unser zukünftiges Stellfeld fahren konnte.
Dann stellte sich die Frage nach dem Geld. Wir hatten kein Bargeld, keinen Dirham, nichts. In Deutschland wäre das vermutlich ein größeres Thema gewesen. Hier ging der Adnan einfach an seine Kasse, holte das Geld, bezahlte den Abschleppwagenfahrer und winkte ab. Über Rückzahlung, Kosten und Aufenthalt konnten wir später sprechen. Erstmal ankommen. Erstmal sicher sein.
Grillplatte und „marokkanischer Whisky“
Anschließend führte er uns über das Gelände und ins Restaurant. Dort erwartete uns eine große Fischtheke mit fangfrischem Fisch, eine imposante Fleischtheke mit Spießen, Hackfleisch und großen Stücken vom Rind, sowie ein großes Dessert-Buffet. Wir suchten aus, was wir wollten. Alles wurde frisch gegrillt.
Am Ende stand eine riesige Grillplatte vor uns, mit Huhn, Rind, Lamm, Leber, Minz-Hackbällchen und Tomatensalat.


Dazu gab es „marokkanischen Whisky“ – der sich als Tee entpuppte. Stark, süß, heiß, mit Minze und Zucker. Genau das Richtige nach diesem Tag, der inzwischen eisig kalt geworden war. Der Tee wärmte von innen, die Gastfreundschaft von außen.
Ein halber Tag, der sich wie ein ganzes Leben anfühlt
Noch bevor wir eine Nacht geschlafen hatten, hatten wir eine Batterie-Panne, eine Ticket-Umbuchung per WhatsApp, einen Abzockversuch im Hafen, eine Hochsicherheits-Einreise mit Scans und Zäunen, eine Autobahnpanne in der Dunkelheit (was es genau war, wußten wir zu diesem Zeitpunkt nicht), zwei Abschleppwagen, einen Campingplatzbetreiber, der ohne Zögern aushalf, und eines der besten Essen unserer bisherigen Reise.
Es war laut, chaotisch, überwältigend und gleichzeitig warm, hilfsbereit und zutiefst menschlich. Schon am ersten halben Tag in Marokko hatten wir das Gefühl, dass dieses Land sich einen festen Platz in unserem Herzen erobert hat.
Die ganze Geschichte zu diesem verrückten Tag könnt ihr in unserem 🎥 Weltreise-Podcast #3 hören (und sehen).

Moment des Tages
Der Bronco steht endlich sicher auf dem Campground, die Abschlepper sind weg, vor uns eine dampfende Kanne „marokkanischer Whisky“ und eine riesige Grillplatte – und plötzlich kippt der Tag von Angst in tiefe Dankbarkeit.
