Sonnenaufgang über der Wüste beim International Nomads Festival nahe Guelmim – Kapitel 16.

Reisetagebuch – Kapitel 16: Umwege, Zeichen und die Stille der Wüste

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Umwege, Zeichen und die Stille der Wüste: manchmal beginnt die beste Geschichte neben der Route.

· Lesezeit: ~10–13 Min

Eigentlich war der Plan klar

Von Sidi Ifni aus wollten wir endlich weiter nach Zagora, dem Tor zur Wüste. Dort wartete eine Werkstatt auf uns, die uns schon seit Beginn unserer Marokko-Reise begleitete: Garage Iriki, Zagora. Nachdem wir unseren ersten Schaden auf der Autobahn hatten, hatten sie uns über Instagram gefunden, Kontakt aufgenommen und waren seitdem fast ein stiller Teil unserer Reise. Sie waren bereit. Und sie wollten den Bronco endlich sehen.

Doch wie so oft auf dieser Reise kam es anders.

Aufbruch mit Plan und erste Zweifel

Am Morgen verließen wir Sidi Ifni und fuhren Richtung Guelmim, etwa 50 Kilometer entfernt. Dort wollten wir eigentlich nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen, unter anderem wegen des Kamelmarkts, der samstags stattfindet. Dafür sollte es weitergehen zu einem Campground außerhalb der Stadt.

Kurz vor dem Ziel hielten wir noch an einem großen Marjane-Supermarkt, eine der größten Supermarktketten Marokkos, vergleichbar mit Carrefour. Ein großer Parkplatz, Zeit zum Einkaufen, Zeit zum Durchatmen.

Und dann kam Salem.

Salem: Ein Zeichen? Oder einfach Neugier

Salem sprach uns direkt auf dem Parkplatz an. Er erzählte vom International Nomads Festival, das unweit von Guelmim stattfinden sollte. Musik, Nomadenzelte, Begegnungen, gemeinsames Essen, Kamelfleisch am Abend.

Das Festival war uns nicht ganz unbekannt. Schon am Morgen hatte uns auf dem Campingplatz eine Engländerin davon erzählt, die alleine mit ihrem Van unterwegs war. Morgens hatten wir noch gedacht: Klingt spannend, aber liegt nicht auf unserem Weg.

Jetzt hörten wir zum zweiten Mal davon. Und diesmal fühlte es sich anders an.

Salem sagte: „Um 15 Uhr treffen wir uns hier. Da kommen auch andere, sogar Deutsche aus Köln. Dann fahren wir gemeinsam los.“

Es war 12 Uhr mittags. Nicht geplant. Nicht auf der Route. Aber vielleicht genau deshalb richtig.

Kamelmarkt, Arbeit und neue Begegnungen

Zwischenzeitlich fuhren wir noch zum Kamelmarkt, der freitags eher für Einheimische gedacht ist. Viel los war nicht mehr. Vermutlich waren wir zu spät dran. Also blieben wir nicht lange und kehrten zurück zum Supermarktparkplatz.

Kleine Anmerkung: von anderen Reisenden haben wir später erfahren, dass auch auf dem Samstagsmarkt die Anzahl der Kamele, oder besser der Dromedare, sehr überschaubar ist. Wir stellten uns vor, dass der Fokus des Marktes auf diesen Tieren liegt. Stattdessen stehen nur wenige Dromedare zum Verkauf dort, und es gibt überwiegend Obst und Gemüse zu kaufen.

Die Zeit bis 15 Uhr nutzten wir zum Arbeiten.

Dann kamen die anderen. Unter ihnen Conny, gebürtige Kölnerin, die heute teilweise in Köln, teilweise in Marokko lebt, zusammen mit ihrem Mann Yussef, einem Marokkaner. Wir mochten die beiden sofort. Es passte. Gespräche, Lachen, gleiche Wellenlänge.

Bis wir erfuhren, dass das Festival 146 Kilometer entfernt lag. Und vor allem: nicht auf unserem Weg nach Zagora.

Ich war sofort raus und wollte nun doch nicht mehr hin. Jürgen blieb hartnäckig. Und wie so oft setzte sich am Ende die Neugier durch.

Konvoi durch eine Landschaft im Wandel

Wir fuhren schließlich im Konvoi los. Die Strecke fühlte sich viel kürzer an als sie war. Die Landschaft veränderte sich ständig: es wurde weiter, trockener, wüstiger.

Nach etwa 80 Kilometern machten wir eine Pause und erschraken: Unter dem Bronco war alles nass. Nicht schon wieder eine Panne!

Motorhaube auf: Kühlwasser. Kein Schaden, der Deckel war nicht richtig verschlossen gewesen. Der Druck hatte das Wasser herausgedrückt. Der Behälter war noch mehr als ausreichend gefüllt. Also Deckel fest, kurz durchatmen, weiter.

Auf dem Pausen-Parkplatz sammelten wir zufällig noch Michi aus Belgien ein, unterwegs mit seinem Hund. Ein ruhiger, sympathischer Typ, der perfekt in diese Runde passte.

Ankunft beim International Nomads Festival

Gegen 17:30 Uhr erreichten wir das Festivalgelände.

Der Abend begann mit Warten: Der Gouverneur der Region sollte das Festival eröffnen. Und er nahm sich Zeit. Er schüttelte gefühlt jedem der rund 2.500 Teilnehmer persönlich die Hand, besuchte die Nomadenzelte, sprach mit Menschen. Danach gab es Reden und ein kleines Konzert einer Sängerin aus Mauretanien. 

 

Erst gegen 21:30 Uhr saßen wir endlich an den Tischen.

Ein Abend für Tausende

Auf dem Boden saßen Menschen auf Teppichen an niedrigen Tischen, jeweils etwa zehn pro Gruppe. Datteln, Nüsse, Süßigkeiten als Vorspeise. Frische Säfte. Dann Gang um Gang: Suppe, Kamelfleisch, Gemüse, Brot.

Alles lief ruhig, organisiert, respektvoll.

Der letzte Gang vor dem Obst war eine riesige Schüssel Couscous. Kaum hatten wir angefangen, wurde sie uns nach wenigen Minuten wieder abgenommen. Keine Chance. Aber wir waren längst satt. Zum Schluss Obst, dann standen alle gleichzeitig auf. Der erste Abend war vorbei. Kurz vor Mitternacht.

Tag zwei: Stille statt Spektakel

Der zweite Tag war völlig anders. Wir hatten mit einem Kamelrennen gerechnet. Auch deshalb waren wir geblieben. Doch es passierte… nichts.

Sonnenaufgang über der Wüste

Jürgen und ich liefen auf einen Hügel oberhalb des Geländes und sahen den Sonnenaufgang über der Wüste. Diese Farben. Diese Weite. Diese absolute Stille. Ein Moment, den man nicht festhalten kann, aber nie vergisst.

Ein schwerer Moment

Am frühen Abend des zweiten Tages wurde vor den Augen der Besucher ein Kamel geschlachtet. Menschen filmten. Das Tier schrie. Es merkte, was ihm geschah. Wir konnten das nicht ertragen und gingen weg. Hätten wir das vorher erlebt, hätten wir wahrscheinlich kein Kamelfleisch gegessen. Aber so ist das Leben!

Tee, Heilpflanzen und Gespräche

Wir zogen weiter durch die Berberzelte und landeten schließlich in einem Zelt mit traditionellen Heilmitteln. Dort tranken wir Tee, hörten zu, fragten nach. Yussef war bei uns und übersetzte, und plötzlich war wieder Sinn im Chaos.

🎥 Schaut euch gerne auch unser kleines Insta-Reel zum Festival in Touizgui an.

Abschied und Weiterfahrt

Am 21. Dezember, kurz nach Sonnenaufgang, packten wir zusammen. Jetzt aber wirklich: weiter Richtung Zagora. Unterwegs trafen wir dann zufällig Conny und Yussef nochmal und frühstückten spontan zusammen.

Moment dieses Abschnitts

Manchmal sind es nicht die geplanten Ziele, die bleiben, sondern die ungeplanten Abzweigungen. Zwischen Motorproblemen, Kamelfleisch und Wüstensonnenaufgang haben wir wieder gelernt, warum wir unterwegs sind: um offen zu bleiben, um zuzuhören und um uns daran zu erinnern, dass die besten Geschichten oft dort beginnen, wo der ursprüngliche Plan endet.

 

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