Kapitel 38 Reisetagebuch: Qeparo, Old Qeparo und eine Bronco-Panne
Kapitel 38 Reisetagebuch: Zwischen Panne und Paradies
Nach mehr als fünf Wochen in Tirana war es am 20. August endlich so weit. Wir wollten weiter.
Wir hatten eine intensive Zeit in der albanischen Hauptstadt hinter uns. Viele Interviews, Begegnungen, unser House Sitting, unsere Release Party und natürlich jede Menge Arbeit. Gleichzeitig stand unser Bronco fast vier Wochen in der Werkstatt.
Wir waren davon ausgegangen, dass wir Tirana mit einem reparierten Auto und einer neu eingebauten Sitzbank verlassen würden. Aber als es losgehen sollte, fehlte die Sitzbank noch immer komplett und auch einige der Reparaturarbeiten waren nicht so erledigt worden, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Unter anderem hatten wir extra in den USA ein Relocation Kit bestellt, um den TFI-Schalter an eine andere Stelle zu versetzen. Das Kit wurde auch eingebaut. Dummerweise genau dort, wo beim Schließen die Motorhaube auflag. Also musste kurz vor unserer Abfahrt noch einmal umgebaut werden.
Es lief alles nicht so richtig rund. Nur kommt irgendwann der Punkt, an dem man einfach weiter möchte. Also sind wir gefahren.
Erst einmal in die Berge
Unser erstes Ziel lag gar nicht weit von Tirana entfernt: die Vasha Bridge bei Dars.
Dafür ging es ordentlich hinauf in die Berge und wir waren natürlich gespannt, wie sich der Bronco nach den Reparaturen schlagen würde. Er lief tatsächlich. Ohne Probleme kamen wir oben an.
Die Landschaft rund um die Brücke ist beeindruckend. Ein tiefer Canyon, Berge und mittendrin die alte Brücke. Gleichzeitig befindet sich dort gerade einiges im Umbruch. Es wird gebaut und vorbereitet und man bekommt schnell den Eindruck, dass dieser bisher eher ruhige Ort in Zukunft deutlich mehr Besucher bekommen soll.



Wir blieben eine Nacht, denn am nächsten Morgen wollten wir ans Meer.
Auf der Karte sah das gar nicht so weit aus. In der Realität mussten wir allerdings fast wieder zurück Richtung Tirana fahren, weil es durch die Berge keine vernünftige direkte Verbindung zur Küste gab.
Zwei Tage an einem ziemlich leeren Strand
Unser nächster Stopp war der Plazhi i Semanit.
Ein riesiger, breiter Sandstrand, an dem wir bei der Kitesurfschule Albania einen Platz für den Bronco fanden.


Alles ein bisschen improvisiert. Die sanitären Anlagen hätten sicherlich noch Luft nach oben gehabt, aber dafür standen wir fast direkt an einem kilometerlangen Strand.
Und irgendwie passte genau das gerade ganz gut.
Wir blieben zwei Nächte, arbeiteten, gingen ans Meer und genossen es, nach fast sechs Wochen in Tirana wieder unterwegs zu sein.
Am Sonntag, den 23. August, sollte es dann weitergehen.
Unser Ziel: die albanische Riviera und das Ionische Meer.
Ein Blick auf eine Insel, über die gerade ganz Albanien diskutiert
Die Strecke führte uns zunächst Richtung Vlora.
Dort kamen wir am Gelände des neuen Flughafens vorbei. Ein riesiges Areal, das künftig deutlich mehr Urlauber direkt nach Südalbanien bringen soll.

Wir fuhren ziemlich lange außen herum und machten schließlich einen Abstecher zum Strand.
Von dort konnten wir auf eine Insel schauen, die in Albanien gerade für reichlich Diskussionen sorgt. Für die Insel gibt es Pläne für ein großes Luxusresort aus dem Umfeld von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump. Es geht um die Insel Sazan.

Wir hatten die Diskussionen darüber bereits in Tirana mitbekommen. Also standen wir nun am gegenüberliegenden Strand, schauten hinüber und machten uns unser eigenes Bild und ein paar Fotos.
Danach ging es weiter.
Und wieder einmal hatten wir keine Ahnung, dass unser Tagesplan nur wenige Stunden später komplett hinfällig sein würde.
Und plötzlich geht der Bronco aus
Wir hatten über Park4night einen schönen Campingplatz gefunden und waren schon gar nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt.
Die Straße führte durch die Berge. Hoch, runter, Kurven, Pässe. Dann ging es gerade eine Passstraße bergab. Und plötzlich ging der Bronco aus während der Fahrt.
Damit war schlagartig auch die Unterstützung durch Servolenkung und Bremskraftverstärker weg.
Das ist auf einer Passstraße eine Erfahrung, auf die man wirklich verzichten kann.
Jürgen schaffte es irgendwie, den Bronco auf eine kleine Parkfläche zu lenken und dort zum Stehen zu bringen.

Dann saßen wir erst einmal da.
Wir waren ziemlich geschockt und hatten gleichzeitig keine Ahnung, was jetzt schon wieder mit unserem Auto los war.
Also machten wir erst einmal gar nichts.
Wir warteten ungefähr eine Stunde, ließen den Bronco und uns selbst abkühlen und überlegten, was wir tun sollten.
Irgendwann sprang er wieder an.
Unser eigentliches Ziel hatten wir für diesen Tag gestrichen. Wir wollten nur noch bis zum nächsten Ort kommen.
Ganz langsam.
Und so landeten wir in Qeparo.
Aus einer Nacht wurden 15 Tage
Qeparo hatten wir überhaupt nicht auf dem Plan. Vielleicht war auch das der Grund, warum wir am Ende so gerne geblieben sind. Aus dem geplanten kurzen Zwischenstopp wurden 15 Tage.
Qeparo ist klein, ruhig und liegt direkt am Ionischen Meer. Unser Campingplatz, Camping Qeparo, war ungefähr 200 Meter vom Kiesstrand entfernt und von der Küste schaut man hinüber Richtung Korfu.



Für uns war es vor allem ein Ort, an dem wir richtig gut arbeiten konnten.
Natürlich war es Anfang September noch ziemlich heiß. Aber wenn der Kopf irgendwann nicht mehr wollte, liefen wir einfach die paar Meter zum Meer, sprangen kurz ins Wasser und setzten uns anschließend wieder an die Laptops. So sahen die meisten unserer Tage aus.
Morgens bin ich alle zwei Tage joggen gewesen. Die Promenade von Qeparo ist zwar nicht besonders lang, aber wenn man sie ein paar Mal rauf und runter läuft und hier und da noch einen kleinen Schlenker einbaut, bekommt man auch seine fünf Kilometer zusammen. Das war bei der Hitze auch völlig ausreichend, zumindest für mich.
Danach ging es direkt ins Meer, dann Frühstück, Laptop auf und arbeiten.
Für uns funktioniert dieses Leben erstaunlich gut.
Am 25. August wurden wir plötzlich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Es rumorte, alles wackelte und für ein paar Sekunden wussten wir überhaupt nicht, was gerade passiert und was wir eigentlich tun sollten.
Es war ein Erdbeben der Stärke 4,8. Das Epizentrum lag bei Himarë und damit weniger als 20 Kilometer von unserem Standort in Qeparo entfernt. Für uns war es das erste Mal nach dem Erdbeeben in Köln in den 80ern, ein Erdbeben aus so kurzer Entfernung ganz bewusst mitzuerleben.
Ganz ungewöhnlich sind Erdbeben an der albanischen Riviera allerdings nicht. Südwestalbanien gehört zu einer seismisch aktiven Region. Entlang der ionischen Küste treffen unterschiedliche tektonische Strukturen aufeinander, weshalb hier immer wieder kleinere und gelegentlich auch stärkere Erdbeben auftreten.
Unser Beben verursachte zum Glück keine größeren Schäden. Trotzdem fühlt sich eine Zahl wie 4,8 ziemlich anders an, wenn man nachts im Bett liegt und plötzlich alles um einen herum wackelt. Und das Thema „Tsunami" kam uns natürlich auch dabei in den Kopf.
Was machen wir jetzt mit dem Bronco?
Eigentlich wollten wir die Zeit in Qeparo nutzen, um den Bronco noch einmal reparieren zu lassen.
Das erwies sich allerdings als schwieriger als gedacht. Die Mechaniker, die wir ansprachen, hatten keine Zeit für uns und so wurde aus unserem Plan erst einmal nichts.
Jürgen fing deshalb selbst an, sich noch einmal intensiv mit dem Bronco zu beschäftigen. Er überprüfte verschiedene Dinge, justierte einiges neu und beobachtete, wie sich das Auto verhielt.
Seitdem läuft er wieder deutlich besser.
Ob das Problem damit endgültig erledigt ist, werden vermutlich die nächsten Kilometer zeigen.
Unser Plan steht jedenfalls: Am Montag, den 7. September, wollen wir Albanien verlassen und nach Griechenland fahren.
Wenn der Bronco weiterhin gut läuft, umso besser.
Falls nicht, müssen wir dort doch noch einmal eine Werkstatt suchen.
Und dann war da noch dieses Dorf über uns
Bevor wir Qeparo verlassen, gab es allerdings noch einen Ort, den wir unbedingt sehen wollten.
Jeden Tag konnten wir ihn von unten sehen.
Old Qeparo.
Das alte Dorf liegt rund 450 Meter über dem Meer am Berg. Alte Steinhäuser, von unten kaum mehr als kleine Punkte.
Wir hatten uns schon länger gefragt, wie es dort oben wohl aussieht.
Am 4. September waren wir wieder früh wach. Also haben wir kurzerhand beschlossen hochzugehen. Um halb sieben liefen wir los.
Wir fanden einen schmalen alten Weg, der sich den Berg hinaufzieht. Teile davon sollen auf eine alte römische Verbindung zurückgehen. Irgendwie verfolgen uns diese alten Römerstraßen seit Italien. Der Weg war wunderschön, aber stellenweise auch nicht ganz ohne.


Teilweise läuft man ziemlich nah an der Felswand entlang, während es auf der anderen Seite steil bergab geht.

Nach ungefähr anderthalb bis zwei Stunden erreichten wir schließlich das Dorf.
Und dieser Weg hatte sich gelohnt.
Ein Dorf aus einer anderen Zeit
Old Qeparo ist wunderschön.
Enge Wege, alte Steinhäuser und dazwischen immer wieder Ausblicke auf die umliegenden Berge und hinunter zum Ionischen Meer.
Viele Häuser stehen leer oder sind nur noch Ruinen. Gleichzeitig merkt man, dass sich auch hier etwas verändert.
Es gibt inzwischen zwei Restaurants und sogar einen kleinen Supermarkt mit Café.
Für die Restaurants waren wir allerdings eindeutig zu früh dran.
Also tranken wir erst einmal einen Kaffee und etwas Kaltes, ruhten uns aus und liefen anschließend noch ein bisschen durch das Dorf.
Gerade weil so viele Häuser verlassen sind, hat Old Qeparo eine ganz besondere Atmosphäre.
Man läuft durch diese alten Gassen und fragt sich automatisch, wie das Leben hier wohl früher ausgesehen hat.
Und dann steht man plötzlich irgendwo zwischen den alten Steinhäusern und schaut weit über die Berge und das Meer Richtung Korfu.
Für solche Momente sind wir unterwegs.
Manchmal kann Arbeit auch warten
Zurück nach Qeparo nahmen wir nicht wieder den schmalen Bergpfad. Mittlerweile führt eine ganz neue Straße hinauf ins Dorf und über die ging es für uns zurück.
Natürlich hätten wir diesen Freitagmorgen auch am Laptop verbringen können.
Stattdessen sind wir um halb sieben auf einen Berg gestiegen.
Und genau diese Freiheit ist für uns ein wichtiger Teil von MilesMeetsMoments.
Wenn wir an einem Mittwoch oder Freitagmorgen etwas entdecken möchten, dann machen wir das manchmal einfach.
Die Arbeit verschwindet dadurch nicht. Sie verschiebt sich. Dann sitzen wir eben am Wochenende wieder am Laptop.
Am Montag soll es weitergehen nach Griechenland. Mit einem Bronco, bei dem wir gerade wieder etwas optimistischer sind. Ob er diese Meinung mit uns teilt, werden wir wahrscheinlich ziemlich schnell herausfinden.
Nach inzwischen fast einem Jahr mit diesem Auto wissen wir schließlich:
Beim Bronco sollte man mit Prognosen lieber vorsichtig sein.
Moment des Abschnitts
Manchmal entsteht aus einem ungeplanten Stopp genau der Ort, den man gerade braucht.
Qeparo stand auf keiner unserer Listen. Wir wollten möglichst schnell weiter, den Bronco reparieren lassen und unsere Reise fortsetzen.
Stattdessen blieben wir 15 Tage.
Wir arbeiteten, gingen schwimmen, liefen morgens an der Promenade entlang und stiegen schließlich spontan hinauf nach Old Qeparo.
Vielleicht war die Erkenntnis, dass ein Plan, der nicht funktioniert, manchmal Platz für etwas schafft, das man selbst nie geplant hätte, der Moment dieses Abschnitts.